Gesellschaftliche und kulturelle Kontexte

"Das Ding aus einer anderen Welt" (1951)

Im Originalfilm von Christian Nyby geht der männliche Hauptprotagonist Captain Hendry als Held heraus, da er die Frau für sich gewinnt und einerseits das Alien besiegt, als auch andererseits den Biologen Dr. Carrington. Dieser ist schließlich gegen die Ideen des Capt. Hendry ist, das Alien zu vernichten und stattdessen dafür einsteht das Wesen am Leben zu erhalten. Captain Hendry vertritt das Verhalten vieler Menschen. Der Mensch hat Angst vor dem Unbekannten. Alles was fremd ist, erscheint ihm unwohl und fühlt sich bedroht. Bevor das Team also wirklich herausfinden kann was für eine Natur die Kreatur hat, wird es angegriffen und als “Feind” eliminiert. Das zeigt die Natur des Menschen auf, sie ist geprägt von Egoismus und Größenwahnsinn. Denn auch wie im Film gezeigt, stellt sich Mensch über Natur und Gott, um sein eigenes Wohl zu garantieren.
Der Kampf könnte womöglich auch eine Metapher für den “Kalten Krieg” sein. Mit der Bezeichnung “Kalter Krieg” ist der nichtmilitärischer Konflikt zwischen West- und Ostblock, der USA und der Sowjetunion gemeint. Da sie beide als Sieger des zweiten Weltkrieges ausgingen, waren sie die konkurrierenden Supermächte. Ein großes Problem besteht in deren Ideologien. So stehen sich der amerikanische Kapitalismus und der sowjetische Kommunismus gegenüber. In den USA galt damals eine antikommunistische Haltung, welche aufgrund des Koreakriegs 1950-53, welcher den Stellvertreterkrieg der Ost- und West-Blöcke bezeichnet, zusätzlich angeheizt wurde. Inzwischen der Ideologie des Kapitalismus gab es unter den Bürgern aber auch Bürgerrechts- und Friedensbewegungen, genannt “Counterculturalism”, Diese drückt eine Gegenkultur aus, also jene Kultur, deren Werte und Normen von der bestehenden Mainstream Gesellschaft/Ideologie abgelehnt und/oder unterdrückt wird (dictionary 2020). Als “Feinde im Inneren” wurden in erster Linie nicht bestimmte ethnische Gruppen, sondern Vertreter bestimmter ideologischer Grundpositionen verfolgt. Damit sind hauptsächlich wahre oder vermeintliche Kommunisten gemeint. Der Begriff ‚Kommunist‘ wird allerdings in einem großen Spektrum an Bedeutungen genutzt , sodass er für beliebig viele Lebensformen stehen konnte, die als nicht vereinbar mit den akzeptierten Grundwerten der US-amerikanischen Ordnung galten: Homosexuelle, emanzipierte Frauen und andere Bürgerrechtler sowie Intellektuelle, aber dazu mehr im späteren Verlauf. Durch die Furcht vor politischer Unterwanderung bestand im Inneren der USA eine Angst vor innerlicher ideologischer Zersetzung. (vgl. bpb 2014)
Der beschriebene innerliche Konflikt basierend auf unterschiedlicher Ideologien im Volk könnte als Metapher im Film mit dem Kampf zwischen dem Captain Hendry und dem Biologen Dr. Carrington verglichen werden. Dr. Carrington symbolisiert eine Lebensform des “Counterculturalism”. Wie vorher bereits erklärt, also eine Gegenkultur dessen Normen und Werte von der Mainstream Gesellschaft abgelehnt werden (vgl. dictionary 2020). In diesem Beispiel versinnbildlicht Dr. Carrington eine Gruppe von Intellektuellen mit einer Ideologie zu liberalen Neigungen. Seine Ideologie gleicht also nicht dessen von Capt. Hendry. Dieser könnte nämlich metaphorisch das Militär vertreten. Da Dr. Carrington und Captain Hendry ursprünglich als ein Team gekommen sind, verdeutlicht das noch einmal wie vorhin schon erwähnt die “Innere Zerrissenheit” oder auch “Feinde im Inneren”.
Ein Zitat von Vossen begründet dies mit den Worten „Die Lust am filmischen Die Kreatur allein, ist möglicherweise eine Referenz an die sowjetische Armee, welcher als potenzieller Angreifer jederzeit eindringen könnte. Demnach könnte der Sieg gegen Dr. Carrington und der Sieg gegen das Alien, der Sieg gegen den Bürgern “unamerikanischer Triebe” und der Sieg gegen die Sowjetunion sein. Auch wenn die Soldaten des Militärs als Sieger dargestellt werden, geschieht keine direkte Glorifizierung, wie man sie kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges erwartet hätte. Trotzdem erfolgt hier eine Bestimmung der Wertvorstellung, nämlich von Pro Militär und Anti-Wissenschaft/Forschung.
Das ganze Setting in dem Nybys Film spielt, soll die Antarktis darstellen. Diese befindet sich inmitten der Antarktis. Im Jahre 1952 gab es einen Kampf um Gebietsansprüche zwischen argentinischen Soldaten und britischen Forschern (vgl. polar 2005). Der Kampf zwischen Capt. Hendry und Dr. Carrington könnte also wieder auf eine Referenz zum metaphorischen Kampf zwischen Militär und Wissenschaft/Forschung hinweisen. Ebenso könnte dies aber auch wieder ein Verweis auf den Kalten Krieg sein. In der letzten Szene des Original Films (‘51) heißt es “Keep watching the skies!”, diese berühmte Zeile gibt viel Interpretationsspielraum. Es könnte einerseits z.B. wirklich meinen den Himmel wachsam zu beobachten und damit auf die sogenannte “Alien-Ära” mit UFO-Hysterie und Invasion Angst der 50er Jahre zu verweisen oder die politische Parabel zur Furcht politischer Unterwanderung oder Angriff der Sowjets sein. (vgl. slantmagazine 2010) In den beiden Remakes(/Prequel) (‘82 und ‘11) wurde eine differenzierte Auswahl von Menschengruppen ausgewählt, wobei im ‘51er die Besetzung eher wie eine homogene Masse von Wissenschaftlern und Soldaten wirkt. Da dieser Film in der Zeit des kalten Krieges produziert wurde, besteht die Besetzung aus einer Gruppe fast ausschließlich kaukasischer Männer, deren Aussehen dementsprechend sehr adrett und diszipliniert wirkt. Dass der Film keine ethnische Vielfalt birgt, könnte an dem bestehenden Rassismus und Diskriminierung anders-hautfarbener Menschen liegen, wobei vor allem Afroamerikanische Menschen gemeint sind (vgl. S.S. Krause 2017). Sie wurden in der Gesellschaft nicht akzeptiert und ausgeschlossen. Erst 1954 setzte sich Eisenhower für den Abbau der Rassenschranken ein. (vgl. bpb 2014)

"Das Ding aus einer anderen Welt" (1982)


Die Besetzung besteht zum ersten Mal, sowie im darauffolgenden Remake, auch aus dunkelhäutigen Männern (und im darauffolgenden Film auch). Eine weitere Auffälligkeit besteht darin, dass im Gegensatz zu den beiden anderen Versionen (‘51 und ‘11) alle Figuren in John Carpenters Film (1982) aus Männern besetzt. Der Fokus im Film liegt darauf, dass die Gefahr und Furcht besteht unter den männlichen Charakteren von dem Anderen mit einer “Krankheit” angesteckt zu werden. Die Infizierung lässt sich anfangs allerdings nur mit einem Bluttest feststellen. Dies könnte eine mögliche Referenz zum Thema Homosexualität und sexuell übertragbare Krankheiten wie AIDS sein. In New York bildete sich unmittelbar nach dem Stonewall-Aufstand im Juni 1969 die Gay Liberation Front (GLF). Als erste Organisation, die bereit war in offener Konfrontation für die Befreiung von Schwulen und Lesben einzutreten, markierte die GLF und der ihr vorausgegangene Stonewall-Aufstand eine völlig neue Qualität. Mit der Sichtbarmachung von Lesben und Schwulen legte sie eine Grundlage für alle späteren Liberalisierungen. (vgl. bpb 2010) John Carpenters “The Thing” wurde in 1982 veröffentlicht. Vor allem in den 1980er-Jahre warf die Immunschwächekrankheit AIDS ihren Schatten über die Schwulenbewegung. Zum einen starben in den folgenden Jahren zahlreiche prominente Aktivisten, zum anderen ging es nun darum, eine repressive Gesundheitspolitik abzuwehren, wie sie vor allem der bayerische Innenpolitiker Peter Gauweiler voranzutreiben versuchte. So hatte dieser 1986 die Einrichtung von Internierungslagern für “AIDS”-Kranke gefordert. (vgl. bpb 2015) Die Infizierung im Film oder das “Ding” könnte man schließlich auch als Metapher für “AIDS” oder Hepatitis verstehen. So würde die Bezeichnung als “unsichtbarer Feind” sowohl für die Infizierung des Aliens als auch für die Interpretation zutreffend. Womöglich könnte die Intention gewesen sein, über Geschlechtsverkehr und -krankheiten aufzuklären. In den 1950er Jahren wurde das Thema Sexualität nie wirklich offen beleuchtet, erst in den 1960er und 70er Jahren gab es Studentenbewegungen mit Leitsprüchen wie “Make love not war!” (vgl. Julia Hartmann 2016)


Hauptbestandteil der Story der beiden Remakes (/Prequel) liegt darin, dass das Ding eine Art Pflanze ist, ein Gestaltenwandler. Das bedeutet insofern, dass es meist unbemerkt in den Körper des Menschen eindringt, die “Infizierung”. Es kopiert die Zellen, sodass es für eine temporäre Zeit die Form des denjenigen Körpers annimmt. Äußerlich ist der Eindringling also nicht von den Nicht-Infizierten zu erkennen. Es könnte also jeder von Ihnen sein. Paranoia entwickelt sich und keiner vetraut niemanden mehr. Die pflanzliche Kreatur im Film infiziert den Körper des Menschen, ab diesen Zeitpunkt ist der Mensch nicht mehr Herr seiner Sinne, stattdessen ist der ganze Körper vom Gestaltenwandler infiziert. Der Körperfresser ist ein Symbol für den sich ausbreitenden Kommunismus zu sehen, der nach und nach einen nach dem anderen befällt. Es könnte eine Parabel auf die Kommunistenhatz in Amerika bedeuten, als niemand mehr Vertrauen zueinander hatte, schließlich könnte jeder ein Kommunist sein oder wie in unserem Beispiel “das Ding”.
Ein weiterer Aspekt der nicht beleuchtet wurde ist die Herkunft und Ursache des “Dings”. Zu Beginn des Films sehen wir ein Raumschiff, das eine Notlandung machen muss. Schlussfolgernd könnte das “Ding” also ein Passagier im Raumschiff gewesen sein. MacReadys Team befinden sich aber nicht hinein. Es hat den Schein, dass es sie nicht genug interessiere. Daraus lässt sich ein Leitfaden ableiten. MacReady und sein Team wollen den Hintergrund des Dings gar nicht ergründen. Es soll die Menschheit einfach in Ruhe lassen.

"The Thing" (2011)


Der auffallendste und größter Unterschied zu den anderen Filmen ist hier wohl die Besetzung des Protagonisten. Es ist eine weibliche Hauptrolle, die den Handlungsstrang des Film leitet. Ihr Charakter verkörpert Intelligenz, Mut und Gleichstellung. Ein Zitat vom Regisseur Matthijs van Heijningen Jr. aus einem Interview dazu: “And, I like movies with strong women, like Alien (1979), so we wanted to find somebody who had Sigourney Weaver-ish character traits of being pretty, but not caring about her looks because she’s a proper scientist. [...] What I tried to do was make her a little bit insecure, in the beginning, and then she has to slowly step up, amongst all those men, to prove that she’s right. She isn’t looking to be a hero. She’s just the smartest girl on the block, and she tries to warn everybody. The dynamic between a young American female, and 40-year-old Norwegians with beards was an interesting contrast.” (vgl. collider 2011)
Die Protagonistin macht also während des Films eine persönliche Entwicklung durch, indem sie sich selbst vertraut, mutig ist und den anderen Charakteren gleichgestellt. Dieses Bild bzw. diese Beschreibung von einer Frau ist allerdings eine modernes Weltbild. Die Rolle der Frau in den 50er-Jahren lässt sich gut vergleichen anhand des Charakters aus der 51er-Jahre Version von Christian Nyby. In den 50er Jahren herrschte noch ein von Sexismus geprägtes Frauenbild, dem männlichen Geschlecht ungleich gestellt, war es üblich, dass die Aufgabe oder Bestimmung einer Frau es lediglich war den Haushalt zu übernehmen, die Kinder erziehen und zu kochen. Sie sind dem Mann untergestellt und haben kaum Chancen zur Individualisierung (vgl. Barbara Sichtermann 2009). Auch die Figur “Nikki Nicholson” ist den anderen männlichen Charakteren untergestellt, denn sie hat in dem Film (51er) keine Macht oder Mitspracherecht um an Entscheidungen mit Teil zu haben, noch trägt sie eine wichtige Handlung zur Story bei. Sie arbeitet zwar als Dr. Carringtons Sekretärin, hat aber keinen anspruchsvollen Job und ist lediglich Gehilfin. Sie und Captain Hendry entwickeln eine kleine Romanze, jedoch wirkt ihre Rolle eher, als wäre ihr zentraler Zweck als ein Spielzeug für den männlichen Protagonisten Captain Hendry zu dienen. Zu Massenbewegungen und Demonstrationen kam es erst in den 60er-Jahren. Damit sind wichtige Ereignisse gemeint wie die Buchveröffentlichung von “The Femme Mystique” 1963 oder die “68er-Bewegung” (vgl. bpb 2008). 1975 wurde das Thema zur Gleichstellung der Frau durch die UNO staatlich anerkannt. (vgl. Sichtermann 2009) bpb Bis heute konnte eine gesamte Gleichstellung der Frau zum Mann immer noch nicht erzielt werden, noch heute kämpfen Frauen wie z.B. die Figure Kate Lloyd im Film von Matthijs van Heijningen um Anerkennung für die gleiche Arbeit, ernst genommen zu werden, und damit keine Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die Geschichte des “The Thing” von 2011 nicht ins Moderne Zeitalter passt. Während die ersten beiden Filme in der Zeit des Kalten Krieges spielen, passen die damaligen Themen, tieferen Zusammenhänge und Metaphern wie etwa Spionage, Paranoia und politische Spannungen nicht mehr auf die Moderne. Ängste wie die Menschen früher es hatten, gibt es so in dieser Form nicht mehr. Somit wird dem Film in gewisser Weise seiner Aussagekraft und Brisanz genommen. Abschließend kann man also sagen, dass der Film besonders durch seine Wahl der Hauptrolle hervorsticht.

Quellen